Meine Enkel sind vorbildlich. Oder genauer: ihre Eltern sind vorbildlich. Die Kleinen bekommen keinen Zucker zu essen. Süß sind sie selber. Sie dürfen tagsüber so viel Obst und Gemüse knabbern, so viel sie wollen.
Auch ich habe versucht, meine Kinder gesund zu ernähren. Auf eine andere Art. Es gab festgelegte Mahlzeiten, bei drei Kindern war dies schon aus organisatorischen Gründen nicht anders möglich. Für dazwischen gab es einen Teller, auf dem lag ein Berg mundgerecht geschnittener Apfelspalten. Es gab auch Süßes, in bescheidenen Maßen, wie Schmarrn, Palatschinken oder Zwetschgenknödel.
Einen Onkel gab es in der Familie, der brachte bei jedem Besuch einen Sack mit Süßigkeiten mit. Erstens um sich bei den Buben einzuschmeicheln, „einweimperln“ wäre der passende Ausdruck. Und andererseits um mich zu ärgern. Aber kaum war der Onkel wieder fort, sperrte ich die Süßigkeiten weg. In einen Kasten in meinem Büro, ganz oben. Natürlich haben die Buben es gemerkt und reden jetzt noch darüber, jetzt, wo sie schon selber Väter sind. Sie behaupten, ich hätte sie um die süßen Geschenke betrogen.
Das machst Du falsch, sagte damals eine Freundin. In ihrer Wohnung stand auf der Kommode immer eine Schüssel mit Zuckerln. Sie sperrte nichts weg. Ihre Tochter durfte sich davon nehmen, soviel sie wollte. Ich weiß nicht, was aus der Kleinen wurde. Ich habe Mutter und Tochter aus den Augen verloren.
Wenn ich an meine eigene Kindheit zurück denke, fällt mir ein, dass ich bis zum Ende eines Ereignisses in der Volksschulzeit kein Eis bekam. Am Hauptplatz der kleinen Stadt in der ich aufwuchs gab es eine Konditorei . Der Konditor wusste Bescheid. Wenn unsere Kleine vorbei kommt und ein Eis will, dann gibst Du ihr eine Tüte mit Schlagobers, befahl ihm meine Mutter. Er hielt sich daran und ich glaubte, es sei Eis, wenn ich am Obers schleckte. Von wegen Betrug.
Wovor meine Mutter mich schützen wollte? Vor Karies oder vor dem Dickwerden? Ich glaube, sie meinte, man könne sich beim Eis essen verkühlen. Als die English-Miss die während der Volksschule am Nachmittag zu Privatstunden zu mir kam, davon erfuhr, sagte sie, dass sei Nonsense. Blödsinn. In England dürften die Kinder, gerade wenn sie Halsweh haben, Eis essen. Meine Mutter war darüber nicht sehr „amused“. Aber die English-Miss war stärker und bald war in der Tüte richtiges Eis zum Schlecken.
Was also macht krank und was macht dick? Es ist, so sagen die Experten, vor allem das Naschen von Süßigkeiten. Der Mensch nascht gern. Wer seinen Kindern das Naschen aber nicht verbieten will, findet nun eine vernünftige Alternative im Angebot: Heidelbeeren.
Sie sind groß, kugelig und geschmacklos, aber saftig und schön anzusehen. Ihr Kaloriengehalt ist harmlos. Ihr Vitamingehalt unbedeutend. Man gibt sie den Kleinsten auf einem Plastiktellerchen zur Selbstbedienung auf den Tisch und kann ihnen wohlwollend dabei zusehen, wie sie sich eine Heidelbeere nach der anderen vom Tellerchen picken. Wie sie die kleinen Kugeln vorsichtig zwischen die winzigen Finger nehmen und sich in den Mund stecken ist allerliebst. Heidelbeeren gehören zu den ersten Dingen die ein Kind ohne fremde Hilfe essen kann. Alternativ gibt es auch Himbeeren oder Erdbeeren die, wegen ihrer roten Farbe von den Kindern favorisiert werden. Meine Enkel können von diesen Beeren nie genug kriegen. Sie wollen und bekommen sie das ganze Jahr über.
Längst gibt es diese Beeren in Bioqualität, aber auch die ist in Plastik verpackt. Zwar hat der Film „Plastik-Planet“ auch die gesundheitsbewussten Beeren-Eltern tief beeindruckt, aber nicht davon abgehalten, für die Kinder „Bio“ in Plastikbehältern zu kaufen. Oder exotische Früchte zur Auflockerung des Obst-Speiseplanes. Die Gesundheit der Kinder ist wichtiger als die Gesundheit der Wale und des Ozeans.
Wenn meine Enkel bei mir sind, will ich, dass sie sich wohlfühlen. Ich kaufe vorsorglich Heidelbeeren. Es war Februar. Der Enkeltransport (im SUW weil nur in diesem alle Kinderwägen und Schalensitze Platz haben) war noch nicht da und ich vertrieb mir die Zeit des Wartens, indem ich die Schrift auf der Heidelbeer-Verpackung studierte. Nun, woher die Heidelbeeren kamen? Von weit, weit her. Aus Chile! Sie reisen im Flugzeug, quer über den Atlantik damit wir gesünder naschen.
Und es sind nicht nur die Heidelbeeren, die reisen. Es reisen die Erdbeeren, die Himbeeren, die Birnen. Können wir denn nicht mehr auf den Sommer warten, wenn die Beeren bei uns reifen?
Wie schön war es früher, als es noch Saisonen gab. Man freute sich auf die ersten Erdbeeren aus dem Garten, auf die Himbeeren im Wald und die Heidelbeeren die wir selber oben auf der Alm klaubten. Eine ins Töpfchen, zwei ins Kröpfchen. Wie die dufteten! Und erst die Walderdbeeren! Heute gibt es alles zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das Kind – in uns- will alles sofort. Die Logistik macht es möglich dass niemand mehr warten muss. (Ausser auf der Krankenhaus-Ambulanz oder im Stau). Gut für die Umwelt ist es nicht. Und auch nicht für unsere Enkel.
Friederun Pleterski